HANNA PETERMANN


Hanna Petermann

Einblicke

Es ist früh am Morgen. Obwohl ich wenig geschlafen habe, bin ich hellwach.
Das Mal-Fieber hat mich wieder gepackt. Dann spuken Ideen in meinem Kopf herum und ich finde keine Ruhe mehr. Das Musiker-Thema lässt mich nicht los. Die Cellistin, die sich voller Inbrunst und Hingabe über ihr Instrument beugt - aus dem Fenster schräg hinter ihr fällt Licht auf ihren Nacken und ihre hoch gesteckten Haare.
Diese Szene habe ich beim Cello-Festival in Kronberg gesehen.
Ein magischer Moment... Ich bin ganz versessen darauf zu sehen wie sich dieses Bild in Malerei übersetzen lässt.
Wird es mir diesmal gelingen dem flüchtigen Wesen der Musik malerisch näher zu kommen? Diese Unmittelbarkeit, mit der Musik mich berührt, kann ich doch eigentlich weder fassen noch festhalten. Es reizt mich, diesen Widerspruch zu überwinden.
Ich sitze in der Küche meines Vaters. Schobüll, das Dorf in dem er wohnt, liegt unmittelbar an der nordfriesischen Küste. Ich komme oft hier her, um in seinem Atelier zu malen und nach neuen Anregungen zu suchen.
Draussen vor dem Küchenfenster klettert eine dicke Spinne einen schimmernden Faden hinter sich her ziehend in ihrem Netz herum. Eine Amsel hüpft auf dem Dach des roten Schuppens auf und ab und die ersten Sonnenstrahlen treiben ihr Spiel von Licht und Schatten in den Blumenbeeten. Ich habe mein Frühstück beendet.
Es ist kühl. Der Sommer neigt sich dem Ende zu.
Beim Betreten des Ateliers schlägt mir der vertraute Geruch entgegen. Eine Mischung aus Öl-Farben, Terpentin und Zigarettendunst.
Ich bin aufgeregt!
Die Leinwand steht schon vom Vortag fertig grundiert auf der Staffelei.
Ich suche mir ein paar Farb-Tuben zusammen und drücke den ersten kleinen Haufen der cremigen Öl-Farbe auf die Palette. Sie ist bunt verschmiert. Rot, Orange, Grün.
Nanu, das sind doch eigentlich gar nicht meine Farben..
Jetzt erinnere ich mich. Vor fünf Monaten, als ich im siebten Monat schwanger war, habe ich hier Blumen gemalt. Zuletzt die Kapuziner-Kresse.
Allmählich füllt sich die Palette. Es fehlen noch die Blautöne - Himmelblau, Kobalt und Ultramarin. Das Terpentin aufgefüllt und die Pinsel zurecht gelegt - meine Vorbereitungs- Zeremonie ist beendet. Es kann losgehen!
Ich zögere. Muss wieder meine Angst zu scheitern überwinden. Sie ist neben meiner Euphorie leider auch ein ständiger Begleiter.
Ich krame noch einmal in meinen Zeichnungen und entdecke die Pinselzeichnung, die ich von der Cellistin gemacht habe. Mir gefällt diese Technik. Das Papier hält jeden einmal gezogenen Strich unkorrigierbar fest. Das erfordert eine sehr rasche und konzentrierte Arbeitsweise. Ein Strich zuviel und der Zauber ist dahin. So bleibt das Motiv skizzenhaft, vieles nur angedeutet.
Ich verehre die asiatischen Tusche-Maler. Ihre Bilder und Zeichnungen sind von solcher Schlichtheit und handwerklich vollkommen. Alles Überflüssige ist weggelassen, der Blick auf das Wesentliche gelenkt. Man hat den Eindruck als hätten sie das Bild in ihrer Vorstellung bereits vollendet, ehe sie den Pinsel aufs Papier setzen.
Mutig greife auch ich zu meinem Werkzeug und skizziere Kopf, Haare und Instrument, setze erste kühle Farbtöne in den Schattenzonen der Haut.
Stille - nur das leise, kratzende Schaben des Pinsels auf der Leinwand.
Ich werde ruhiger...Strich um Strich, Fleck um Fleck.
Es geht ganz gut voran und nach einer Weile treten Kopf, Rumpf und Cello immer plastischer aus der Leinwand hervor. Ich muss aufpassen, verliere mich schnell in Details und meinen
Bildern kommt dann ihre Lebendigkeit abhanden. Immer wieder passiert mir das. Ich ärgere mich. Jetzt bloss nicht die Nerven verlieren.
Na los, riskier mal was! Angriffslustig verwische ich hier und da Konturen,
setze wieder ein paar Flecken darüber. Ich trete einen Schritt zurück, schon besser...
Mein Vater betritt das Atelier. Zielstrebig steuert er an mir vorbei auf seinen Arbeitsplatz zu. Er lässt mich machen. Das war schon immer so.
Wenn ich Rat brauche, steht er mir mit seiner langjährigen Erfahrung und seinem sicheren Blick zur Seite.
Was mache ich nur mit dem Hintergrund? Da fehlt die Lebendigkeit, es geht doch schliesslich um Musik! - Andererseits gefällt mir der jetzige Zustand des Bildes - dieses Offene, Unfertige - eigentlich ganz gut..
Ein heikler Moment, in dem man Ruhe bewahren sollte, um bloss nichts kaputt zu machen. Ich brauche Abstand. Reiss Dich los, mach ́ne Pause, Hanna!
Da schaut mein Mann Dirk mit unserer drei Monate alten Tochter auf dem Arm herein. Sie wandern ein wenig umher, sehen sich um und gesellen sich zu mir an die Staffelei.
Ein paar aufmunternde Worte, grosse Kinderaugen und ein leises Glucksen, das allmählich einen etwas unzufriedenen Ton annimmt. " Ich glaube sie hat Hunger..", meint Dirk. "Moment, lass mich noch ein paar Striche machen, bin gleich da.." antworte ich. Schnell die Hände gewaschen und den Malerkittel abgelegt!
Umschalten - die nächsten Stunden will ich ganz für meine Familie da sein.
Hätte ich nicht gedacht, dass es gehen kann : Kind und Malerei unter einen Hut zu bekommen...
Nach einiger Zeit kehre ich einigermassen erholt ins Atelier zurück. Etwas unmotiviert stehe ich vor der Staffelei und es fällt mir schwer in die Konzentration des Morgens zurück zu finden. Die Haare gefallen mir noch nicht, das Licht fehlt.
Ich schnappe mir einen der Kataloge von Anders Zorn. Wenn ich seine Bilder sehe, breitet sich in mir immer ein Feuer aus. Alles, seine Figuren, das warme Licht und die Umgebung verschmilzt in Zorn ́s Gemälden zu einer atmosphärischen Einheit. Sein frischer, lockerer Strich! - wie macht der das bloß?
Ich muss neu ansetzen. Mein Arbeitsplatz ist völlig verschmiert! Mit einem alten Lumpen wische ich die Öl-Batzen aus den Pinseln und kratze die schmutzigen Farbinseln von der Palette.
Eine gute Weile will ich heute noch arbeiten.
Allmählich tauche ich wieder ein.
Draussen beginnt es zu dämmern und das leise Tröpfeln am Fenster kündigt einen spätsommerlichen Regen an.
Ich freue mich darauf endlich die letzten Lichter ins Bild setzen zu können...
 

Hanna Petermann
Einblicke


Sandra Liermann : Eine Musikerin, die malt
Augsburger Allgemeine vom 18.11.2017


Muriel-Larissa Frank : Vom Festhalten des Flüchtigen
Taunus Zeitung vom 8.3.2016


Muriel-Larissa Frank : Malerin Hanna Petermann
Taunus Zeitung vom 5.10.2015


Dr. Peter Müller : Puppentanz im Mondenglanz
Neue Presse Coburg


Ute Schalz-Laurenze
Kreiszeitung Bremen 4.2.2013



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